Redebarf !

Lilly blogt über Ihre Themen rund um die Corona-Pandemie.
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Was betrifft Sie?
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Flucht in eine andere Welt

Es war erst vor einigen Wochen als ich, nachdem ich die letzte Video-Sitzung des Tages geschlossen hatte und bevor ich mich wieder an Hausaufgaben, zu lesende Texte und zu schreibende Abgaben machen wollte, meinen Computer durchforstete. Tatsächlich war und ist es bei mir kein Corona-Phänomen, dass ich meine Freizeit am Computer verbrachte, denn ich habe eine relativ große Leidenschaft für Computerspiele entwickelt und da ich über einen gemeinsamen Chat-Server auch Kontakt mit Freunden halten kann, die für das Studium in eine andere Stadt gezogen sind, verbinde ich gerne diese beiden Dinge miteinander. Es ist nicht so, dass ich mich in meinem Zimmer einschließe und nie aus diesem heraus komme, schließlich trage ich auch die Verantwortung für ein in die Jahre gekommenes und leicht übergewichtiges Pony, und das steht nun mal nicht auf dem Balkon nebenan.

An diesem Tag war mal wieder die Zeit gekommen, in der ich keine Lust auf meine neulich erst heruntergeladenen Spiele hatte und mein Budget als Studentin nicht für weitere Spiele reichte, daher kramte ich in den alten Spielen herum, die ich mir über die Zeit so angeschafft hatte und zur Sicherheit noch immer auf dem Computer gespeichert waren. Diese Phasen waren nicht unüblich, meistens entschied ich mich nach einigen Stunden Gejammere und Gemecker für eines der neueren, bereits installierten Spiele und war auch mit dieser Auswahl schließlich recht glücklich. Beim durchgehen der Spiele fiel mir eines ins Auge, das ich früher tatsächlich exzessiv gespielt hatte. In meiner Schulzeit hatte ich mich nach dem Unterricht sofort an den Computer gesetzt, das Spiel gestartet und war in die Welt versunken, die mir damals so viel besser erschien als die, in der ich lebte. Einigen meiner Freunde war es ebenfalls so ergangen, erinnerte ich mich. In diesem Moment war ich aber relativ froh darüber, dass diese Zeit vorbei war. Es musste eine unglaublich lange Zeit gewesen sein, die ich in diesem Spiel verbracht hatte, ich hatte es damals nach der Schule nur gestoppt um etwas zu essen oder die Hausaufgaben für den nächsten Tag mehr schlecht als recht zu machen, mehr aus dem Grund, dass ich nicht unnötig auffallen wollte, wenn die Lehrperson herumging und das halbfertige Geschmiere von dreißig wenig begeisterten Neuntklässlern überprüfen musste. Eine Rednerin auf einem damaligen Projekttag hatte mir tatsächlich schon mal den Begriff ‚Computerspielsucht‘ an den Kopf geworfen, was ich in besagtem Alter als ziemlich abwegig empfunden hatte. Und auch zu dem Zeitpunkt, als ich so die Dateien durchging und nachdachte, empfand ich es nach einigen Überlegungen doch als recht abwegig. Sicherlich, eine Computerspielsucht mit ihren Symptomen der Vernachlässigung von Freunden, Familie und dem Rest des gesellschaftlichen Lebens kann leicht entstehen und ist nichts, was man auf die leichte Schulter nehmen sollte. An der Zeit gemessen, die man dabei in solchen Spielen verbrachte und abgesehen davon, dass ich besonders über dieses Spiel auch neue Freunde kennen lernte, hätte man bei mir vielleicht sogar auf eine solche Krankheit schließen können, schließlich war ich ganz und gar von diesem einen Spiel mit seiner unglaublichen Welt gefesselt. Doch da war für mich der springende Punkt: Ich war viel mehr versessen in diese anderen Welten, ich wollte Ablenkung und ich brauchte zu dieser Zeit viel davon. Gut zu erkennen war der Unterschied für mich daran, dass als ich das ich dieses Spiel schließlich für eine Buchreihe vernachlässigte. Von da an verschlang ich nach und nach die bereits herausgekommenen Bücher und wartete sehnsüchtig auf die angekündigten Erscheinungen. Das eine wurde bei mir an diesem einen Projekttag als Computerspielsucht tituliert, das andere wurde ich von Lehrkräften und Eltern als ach so lernwillige Vorzeige-Teenagerin dargestellt. Und bei beidem wollte ich eigentlich nur von meinem Alltagsstress, dem seltsamen Alter, in dem ich war, und dem Leistungsdruck der Schule fliehen. Und irgendwie war ich nun froh darum, dass ich etwas gefunden hatte, das mir dieses Fliehen erlaubt hatte. Ich bin recht sicher, dass ich ohne diese Möglichkeit zur Abkehr vom täglichen Stress die Pubertät nicht unbeschadet überstanden hätte, und tatsächlich auch heute die Pandemie nicht unbeschadet überstehen würde. Denn auch heute ist das Computerspielen für mich eine Art der Flucht, in der man mal nicht daran denken muss die Corona-App einzuschalten oder die Masken im Ofen zu grillen bis sich auch die letzten Viren verflüchtigt haben. Und ich wünsche jedem Menschen eine solche Möglichkeit ein wenig in eine andere Welt zu fliehen. 

Denkst du, dass dein Computerspiele- und Medienkonsum doch in eine Sucht umschlagen könnte oder hast du andere Probleme im Zusammenhang mit dem Internet, beispielsweise Cybermobbing, sexuelle Belästigung im Internet oder glaubst, dein Account könnte gehackt worden sein?
Der "Jugend Support" - www.jugend.support
vermittelt Hilfe bei diesen und noch vielen weiteren Problemen, die durch Mediennutzung auftreten können.

Der Zwang zur Kreativität

Noch bevor wir alle wussten, wie lange uns dieser Ausnahmezustand im Griff halten würde, in einer Zeit in der wir uns noch auf Serien Streaming freuten, mit gutem Gewissen die erste Staffel einer Serie innerhalb von zwei Tagen durchsahen und trotz Angst vor dem Ungewissen noch hoffnungsvoll ein baldiges Ende der Pandemie erwarteten, las ich in einem Post einer zufällig in meine Timeline gespülten Influencerin die Zeile „Nutzt doch die Pandemie!“. Ich nickte ein wenig, während ich so auf dem Sofa lag und die zusätzliche freie Zeit genoss, die unbesuchte Partys und nicht mehr nötige Wege zur Uni mit sich zu bringen schienen. Ich stellte mir die kommende Zeit zwar nicht wirklich ereignisreich vor, aber eben auch nicht als große Herausforderung. Im Grunde plagte mich nur eines: Die Langeweile. Und ich war damit wohl nicht alleine, in den sozialen Medien diskutierten die Leute darüber, was man denn nun mit dieser vielen Freizeit in den eigenen vier Wänden anfangen sollte. Einige Bekannte von mir begannen motiviert Schwedisch oder Japanisch zu lernen, andere bestellten sich im Internet Leinwände und angeblich ökologische Farben, die dann – höchst ökologisch – aus China eingeflogen werden mussten, und auch ich befand den Satz auf meinem Bildschirm für gut. Auch vor der Pandemie war es bereits so gewesen, dass ich gerne die freie Zeit, die mir beispielsweise in den Semesterferien vergönnt war, für etwas nutzen wollte. Sei es nun die Lehramts-Leseliste, die seit Beginn meines Studiums auf meinem Schreibtisch lag und mich für den ansetzenden Staub auf ihr zu verurteilen schien oder die Tatsache, dass ich jedes Mal nach der Abgabe meiner Hausarbeiten meinen gesamten Kleiderschrank umräumte um mich weiterhin produktiv zu fühlen. Auch wenn ich im Anschluss daran natürlich nichts mehr wiederfand und jeden Morgen mit der Suche nach bestimmten Kleidungsstücken begann, aber immerhin hatte ich die Semesterferien für etwas genutzt.

Dieses Mindset übertrug ich, dank der sozialen Medien, auch auf die Pandemie, und wenn alle anderen Leute scheinbar kreativ wurden und ihre Erfolge ins Netz stellten, wollte ich das auch. Kurzerhand bestellte ich mir Strickzeug und Wolle, da die Läden bereits geschlossen hatten, und begann mit Hilfe von Online-Videos Stricken zu lernen. Das Semester schritt voran, die Pandemie schritt voran, und mit der Zeit stellte ich fest, wie sehr mir der fehlende Kontakt mit echten Menschen außerhalb des Internets, die chaotischen Beschränkungen und die sich stetig ausbreitende Hoffnungslosigkeit auf die Psyche schlug. Und während ich mich langsam der ganzen Situation nicht mehr gewachsen fühlte, waren Social Media Plattformen immer noch voll von Beiträgen, wie gut man die Pandemie doch für die Renovierung seines Zimmers nutzen konnte und auf Instagram wurde ich damit zugeschüttet, welche Glückseligkeit es doch bringen würde Brot backen zu lernen. Und da saß ich, vor meinem Schreibtisch, der mich zu diesem Zeitpunkt schon lange genug gefangen gehalten hatte, und sah mich gezwungen zu stricken, schließlich musste ich die Pandemie doch für etwas nutzen. Wäre es sonst nicht verlorene Zeit?

Es gab keinen genauen Zeitpunkt, an welchem ich merkte, was für einen Mist ich mir da eingeredet hatte. Es war viel mehr ein schleichender Prozess, in dem ich mich erinnerte, dass ich mir vor dem Beginn meines Studiums geschworen hatte, nie wieder etwas zu tun, womit ich mich nicht wohlfühlte. Bezogen war dies damals eher auf mein Verhalten in Gruppenarbeiten, bei denen ich mir immer den größten Arbeitsanteil aufladen lies oder auch auf mein gekonntes ‚Nicht Nein sagen können‘, wenn ich mal wieder von Studentenverbindungs-Anhängern auf der Straße in ein offensichtliches Werbegespräch verwickelt worden war. Doch auch in diesem Moment, während ich dort so am Schreibtisch saß, sah ich mich gezwungen etwas zu tun, mit dem es mir einfach nicht mehr gut ging. Ich lies es bleiben und ich muss sagen, ich habe auch bis heute den halbfertigen, ziemlich löchrigen Schal, der zusammen mit der Wolle neben mir auf dem Schreibtisch liegt, nicht mehr angefasst. Vielleicht führe ich dieses Projekt irgendwann fort, vielleicht aber auch nicht. Vielleicht lege ich mich stattdessen auch einfach wieder aufs Sofa, weil es mir im Moment damit besser geht, als mit einer weiteren Beschäftigung, die dieser Zeit einen Nutzen aufdrängen soll.

Eine Pandemie muss nicht genutzt werden, finde ich, sie sollte vor allem überlebt werden.

 

 

Vom Alleine- und Zusammen-sein in der Pandemie

Es war an einem sonnigen, warmen Morgen im April, einer der wenigen sonnigen und gleichzeitig warmen Morgen, die uns in diesem wettertechnisch chaotischen April geblieben waren, als ich realisierte, dass bald erneut der erste Mai sein würde. Geschuldet war diese Erkenntnis einer Freundin aus der Uni, deren Stimme unaufhörlich durch mein unter das Ohr geklemmte Telefon drang. Ich selbst hatte zu diesem Zeitpunkt mal wieder jegliches Zeitgefühl was einzelne Tage, Wochen oder teilweise sogar Monate anbelangte verloren, schließlich befand ich mich an diesem Tag noch in meinen Semesterferien, wobei ich auch sagen muss, dass die Pandemie mit ihrem Zwang zu recht öden Tagesabläufen nicht unschuldig an dieser Situation war. Sehr gut erinnerte ich mich noch an den ersten Mai des letzten Jahres, die „Tanz in den Mai“-Events waren mit einige der ersten großen Aktionen gewesen, die abgesagt werden mussten. Mich hatte das alles damals nicht so sehr getroffen, wie scheinbar meine gute Freundin. Obwohl ich eine große Befürworterin von Feiertagen und auch (leider eher kapitalistisch geprägten) Thementagen wie dem Valentinstag oder dem Weltfrauentag bin, hatte der erste Mai bei mir kaum mehr Stellenwert als den, den er sich durch die alljährliche Kalendernotiz „Es ist Tag der Arbeit“ erarbeitete, die mich meist in den passenden Wikipedia-Artikel versinken lies. Was Studierende des Faches Geschichte mit einem Hang zur Antike nun mal so machen, wenn sie das gesamte Semester lang wichtige moderne Daten und Informationen mit denen aus einer Zeit um das Jahr 100 n. Chr. herum überschrieben haben.

Jedenfalls war es für meine Freundin aus der Uni eine unglaubliche Tragödie, dass erneut kein Tanz in den Mai stattfinden konnte und sie, dem Single-Dasein geschuldet, auch keinen Maibaum bekommen würde. „Ich bin immer nur alleine!“ seufzte sie. Meine Antwort darauf war ein starkes Nicken, das mein Handy beinahe auf den Asphalt schleuderte und für meine Gesprächspartnerin, dank meiner eigenen Faulheit bei einem Videotelefonat permanent das Handy in der ausgestreckten Hand halten zu müssen, keinerlei Relevanz hatte. Ich konnte mich mehr als gut mit ihrer Aussage identifizieren, ebenso gefühlt alle anderen Menschen, mit denen ich im Verlauf der Pandemie gesprochen hatte. Sie kannten wie ich diese seltsame neue Art der Einsamkeit, die die Pandemie und ihre Beschränkungen so mit sich gebracht hatte. An Kontakt hatte es mir nicht gemangelt, dank meinem Glück bei Wahlfächern stets in die Kurse gewählt zu werden, die mit 30 diskussionsfreudigen Gesellschaftswissenschaftlern eher die Atmosphäre des britischen Parlaments besaßen, als einem gemütlichen Geschichtskurs. Und trotz des ganzen Kontakts fehlte es mir an richtigen Gesprächen, Gegenübern, die nicht nur kleine Vierecke auf einem großen Bildschirm waren, und irgendwie auch positiven Themen. Ich war bereits dabei meine Gedanken in Worte zu fassen, um sie meiner guten Freundin vermitteln zu können, als ich stockte. In diesem Moment fiel mir ein, dass ich mir in einem Aspekt gar nicht anmaßen konnte, sie zu verstehen. Sobald ich nämlich diese Einsamkeit verspürte, rief ich meinen Freund an. Wir sprachen dann darüber, tauschten uns aus und schafften es meist, uns gegenseitig wieder für den Alltag zu motivieren. Sicherlich, die Pandemie war und ist auch für Beziehungen und vor allem Fernbeziehungen eine negative Konstante, so schränkt sie einen doch ziemlich in der Wahl der gemeinsamen Aktivitäten ein und führt aus Angst, den Partner anzustecken und dann dank mehrerer Wochen Quarantäne nicht sehen zu können, noch mehr in die Abgeschiedenheit von anderen Menschen die eben nicht jener Partner sind. Aber ich habe jemanden an meiner Seite, jemand, mit dem ich alle meine Sorgen bezüglich der Pandemie oder auch allem anderen auf der Welt teilen kann. Ich bin mir sicher, ohne meinen Freund wäre ich in dieser Pandemie psychisch untergegangen.

Das Telefonat zwischen mir und meiner guten Freundin endete abrupt, als bei ihr der Postbote klingelte und ihr eines der vielen bestellten Pakete brachte, was ich mit meinem inzwischen ebenfalls deutlich gesteigertem Online-Shopping-Verhalten natürlich verstand. Ich gönnte ihr zudem den wenigen menschlichen Kontakt, denn sie würde noch eine Weile durchhalten müssen bis zum ersten Mai, den ich, obwohl es an diesem Tag ja eigentlich um partnerschaftliche und nicht freundschaftliche Liebe ging, für unser nächstes stundenlanges Telefonat ins Auge gefasst hatte. Damit sie sich an diesem Tag vielleicht ein bisschen weniger ‚immer nur alleine‘ fühlen würde.

 

Hier blogt: Lilly

Hey, ich bin Lilly Kriegbaum,

20 Jahre alt und studiere im 6. Semester Geschichte und Deutsch auf Lehramt.
In meinem Berufsfeldpraktikum beim evang. Jugendreferat im Kirchenkreis Aachen möchte ich in diesem Blog über meine eigenen Erfahrungen mit der Pandemie berichten und sonstige Themen aufgreifen, die mir wichtig erscheinen. Ich habe Redebedarf. Und ich weiß, dass ich damit nicht alleine bin, also werdet gerne eure Meinung zu meinen Texten, meinen gewählten Themen oder Themen, mit denen ich mich noch befassen sollte, in den Kommentaren los. Ebenso könnt ihr eure Meinung auch durch die Aktion ►#lautmitmaske ausdrücken. Die Jugend, zu der ich mich auch selbst zählen würde, muss mit all ihren Bedürfnissen, Vorschlägen und Forderungen gehört werden. Meine Beiträge dazu erscheinen ab jetzt jeden Freitag um 15 Uhr auf der Webseite des Jugendreferats, einen kleiner Teaser dazu wird es auf Instagram geben. Ich hoffe euch interessiert was ich zu sagen habe, ich bin auf jeden Fall an euren Kommentaren interessiert!

Bleibt gesund und passt auf euch auf, eure Lilly