Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus

31.01.2019

Zum internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust veröffentlichen Isabell Ohl und Christina Pütz ihre Eindrücke vom Besuch des Vernichtungs- und Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau.

Am 27. Januar 1945 wurde das Stammlager Auschwitz-Birkenau von sowjetischen Truppen befreit. Roman Herzog führte am 3. Januar 1996 den Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus ein. Seit 2005 gilt dieser durch die Vereinten Nationen international. Isabell Ohl und Christina Pütz schildern ihre Eindrücke vom Besuch des Vernichtungs- und Konzentrationslagers mit kurzem Blick auf den Stellenwert des Themas in der Jugendarbeit.

Auschwitz-Stammlager I von Isabell Ohl

Im Flur eines Hauses im Konzentrationslager Auschwitz hängt ein Zitat, dass ich zum ersten Mal im Geschichtsunterricht hörte und seitdem nicht mehr vergessen habe. Es ist von dem US-amerikanischem Philosoph und Schriftsteller George Santayana: „Those who cannot remember the past are condemned to repeat it. “ (Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnern kann, ist dazu verdammt sie zu wiederholen.)

Donnerstagmorgen, die Sonne scheint und es wird wieder ein warmer Tag. Gemeinsam mit meinen Kollegen und Kolleginnen sitze ich im Zug von Krakau nach Auschwitz und bin gespannt. Gespannt auf das, was mich erwartet. Und gespannt, wie das auf mich wirken wird. Vor 10 Jahren war ich in der KZ-Gedenkstätte Dachau. An einem kalten Tag werden wir in einer kleinen Gruppe durch das Lager geführt. Außer uns sind wenige Leute da, wir haben Zeit für Nachfragen und Wirkenlassen.

Auschwitz ist ganz anders. Und das liegt nicht nur am Wetter. Ein voller Parkplatz, viele Menschen, viele Sprachen. Es ist unübersichtlich und wir müssen uns erst zurecht finden. Eine Infotafel bringt dann die Erkenntnis: Wir können nicht ohne Führung auf das Gelände. Also teilt sich unsere Gruppe und ich stelle mich mit einigen Kollegen und Kolleginnen in die Schlange für eine Führung auf Deutsch. Zwar wäre ich lieber alleine auf das Gelände gegangen, aber das ist an dem Tag nicht mehr möglich.

Ich merke schnell, dass Auschwitz sehr gut auf die Besuchermassen eingerichtet ist. Ein Bildschirm zeigt an, wie viele Plätze bei den Führungen noch frei sind. Vor unserer Einlasszeit dürfen wir nicht durch die Kontrollen. Wir werden aufgerufen und weitergeleitet, bis wir nach einiger Wartezeit unsere Führung beginnen. Natürlich ist auch sie ordentlich getaktet und durchgeplant. Unsere Führerin macht das nicht zum ersten Mal und kann alle Zahlen und Infos auswendig. Professionell schleust sie uns von einem Haus zum anderen.

Ich bekomme einen guten Einblick in das Konzentrationslager Auschwitz, ich sehe viel und erfahre Neues. So wie mir geht es hoffentlich den vielen anderen Besuchern und Besucherinnen auch. Aber es berührt mich nicht. Und das erschreckt mich. Natürlich bin ich darüber auch erleichtert, denn ich kann mich noch gut erinnern, wie nah mir zu Jugendzeiten Filme wie „Schindlers Liste“ gegangen sind. Und wie lange der Besuch in Dachau in mir nachklang. Doch Auschwitz bleibt mir merkwürdig fremd und fern. Obwohl ich viele Bilder – wie den Spruch „Arbeit macht frei“ über dem Eingang – schon vorher kannte. Obwohl mir die vielen Schicksale nicht gleichgültig sind.

Aber diese vielen Menschen, die Organisation und das Geschäftsmäßige irritieren mich. Ich finde es gut, dass so viele Menschen die Gedenkstätte besuchen. Dabei ist mir bewusst, dass man diese nicht anders über das Gelände führen kann. Und dafür ist die Führung gut. Aber ich stelle mir die Frage, ob diese Art des Besuches für Jugendliche gut ist.

Damit lehne ich einen Besuch mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen nicht ab. Aber er sollte nicht in dieser konzentrierten 3-Stunden-Form stattfinden. Wir sollten uns Zeit nehmen. Zeit in Auschwitz und Zeit zur Vorbereitung und zur Reflexion. Dadurch kann der Besuch für die Teilnehmenden nachhaltig sein. Und ihren Blick wachsamer machen für die politischen Strömungen unserer Zeit.

Das Vernichtungslagervon Christina Pütz

Das staatliche Museum Auschwitz-Birkenau bekam 2018 den tripadvisor Travellers‘ Choice Award und steht damit auf Platz 1. der beliebtesten Museen in ganz Polen! Das Arbeits- und Vernichtungslager, in dem von 1940 bis 1945 mindestens 1,1 Mio. Menschen ermordet wurden, ist heute ein gefragtes Ausflugsziel für 2,1 Mio. Besucher1. Eine Todesfabrik mit touristischer Hochkonjunktur.

Als wir am Morgen des 20. September, im Rahmen unserer Konventklausur, den Parkplatz zum Museum Auschwitz betraten, überkam mich ein Schaudern, das fernab des eigentlichen Grauens der Zeiten des Nationalsozialismus lag. Unüberschaubare Besuchergruppen stellten sich in Scharen am Museumseinlass an, um sich ein Bild von den damaligen Ereignissen zu machen. Entsetzt vom regen touristischen Interesse aller Besucher, stellte ich fest, dass ich mich ebenfalls in das Gebilde dieser Masse einfügen musste, um Einblicke hinter die Mauern des Schreckens zu erhalten. Das einzige, was ich dazu zu tun hatte war, mich in einer Warteschlange anzustellen und zu hoffen, dass ich in einer deutsch- oder englischsprachigen Führung einen Platz ergatterte. Denn der Zutritt war nur in Verbindung einer Führung gestattet. Außerdem hatte ich es verpasst, mir vorher ein Onlineticket zu besorgen, welches mir das Stundenlange anstehen erspart hätte. Das Konglomerat der touristisch monumentalen Wertschöpfung wollte ich unter diesen Umständen keineswegs unterstützen. Ich nahm das Angebot meiner Kollegen, Joachim Richter und Gerd Tilgner, an, in einer kleinen Gruppe das Vernichtungslager Birkenau zu besuchen. Dieses kann man ohne Führung, selbstständig erkunden.

Man betritt das Lager an der „Judenrampe“. Dort, wo damals die Deportationszüge ankamen und man durch den „Rampendienst2“ direkt mit der Selektion begann. Rechts und links erstreckt sich das riesige Gelände (damals ca. 175 ha) mit den durch Elektro- und Stacheldrahtzäunen getrennten Gefangenenlagern und die darauf heute teilweise neu aufgebauten Baracken. Die Baracken dienten als Unterkunft für die Gefangenen, wobei jeder, wenn überhaupt, gerademal 1 m² Platz zur Verfügung hatte. Am Eingangsbereich steht heute noch ein Viehwaggon, in dem die Ankömmlinge ihre letzte Reise antraten. Manche Besucher haben auf dem Tritt des Waggons kleine, gestaltete Steine zum Gedenken hingelegt. Folgt man dem gerade verlaufenden, breit angelegten Bereich, zwischen den Baracken, gelangt man zum Mahnmal an dem auf Gedenktafeln in verschiedensten Sprachen die Aufschrift

„Dieser Ort sei allezeit ein Aufschrei der Verzweiflung und

Mahnung an die Menschheit.

Hier ermordeten die Nazis über anderthalb Millionen Männer, Frauen und Kinder.

Die meisten waren Juden aus verschiedenen Ländern Europas“

 

zu lesen ist. Dies war der einzige, in die deutsche Sprache, übersetzte Text auf der gesamten Anlage. Vorbei an dem, von der SS gesprengten Krematorium, gelangt man über einen parallel zum Wald liegenden Weg nach „Kanada“. Die herrschende Stille wird unterbrochen als wir eine Gruppe Besucher passieren, die sich unter einer Baumgruppe zum Beten niedergelassen haben und anfingen zu singen.

Die dadurch hervorgerufene Gänsehaut, trotz brütender Sonne über uns, bleibt bestehen als wir Kanada3 betreten. In dem Effektenlager wurden damals die Gegenstände und Kleider der Deportierten verwaltet. Zuvor mussten die Deportierten ihr komplettes Hab und Gut in der Zentralsauna ablegen. Die Zentralsauna kann der Besucher über einen Glas Steg, der durch das Gebäude führt, durchlaufen. Die früher hier stattfindende Aufnahmeprozedur der Inhaftierten bestand aus dem Registrieren der Person, dem Ablegen aller Habseligkeiten inklusive der Entwesung und Desinfektion von Mensch, Kleidung und Gegenständen, sowie dem scheren der Haare und dem Empfang der Häftlingskleidung.

Nachdem wir gegen Nachmittag noch einige Baracken besichtigt haben, trafen so langsam die Besucherscharen aus dem Museum Arbeitslager-Auschwitz ein. Nun füllte sich auch Birkenau mit touristischem Leben. Auffallend war hier, dass die Besucher, die aus verschiedensten Gegenden der Welt gekommen sind, sehr unterschiedlich mit dem Thema Auschwitz umgehen. Für mich war es ein absolutes Tabu auch nur ein Foto zu machen. Mir würden die Erinnerung und die Bilder aus meinem Gedächtnis vollkommen ausreichen. Umso irritierter war ich, als ich ein asiatisches Pärchen dabei beobachtete, wie sie sich gegenseitig mit lächelnden Gesichtern in gestellten Positionen mit dem Smartphone portraitierten. Ein letzter Blick auf das weite, trockene Gelände auf dem auch nicht ein Grashalm wächst und wir treten, jeder für sich in seinen Gedanken versunken, den Rückweg zu unserer Unterkunft an.

Mit Blick auf die jüngsten Ereignisse in Politik und Gesellschaft, die immer mehr populistische Tendenzen zeigen, ziehen wir das Fazit, dass der Besuch und die Pflege von Gedenkstätten äußerste Wichtigkeit besitzen. Eine der Aufgaben des Jugendreferates wird es sein, Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit zu geben, unserer deutschen Geschichte adäquat zu begegnen.

 


[1]Saarbrücker Zeitung, 03. Januar 2018: 2,1 Millionen Menschen haben 2017 das ehemalige deutsche Vernichtungslager im Süden Polens besichtigt, meldete das staatliche Museum gestern. Die Besucherzahl lag um mehr als 50 000 über dem bisherigen Höchststand von 2016. Deutsche Besucher stehen in der Statistik nach Polen, Briten, US-Amerikanern, Italienern und Spaniern an sechster Stelle.

[2]Der Begriff Rampendienst stand als umgangssprachliches Synonym für Selektion. Der Begriff bezieht sich in der Zeit des Nationalsozialismus in erster Linie auf die Aussonderung von „nicht arbeitsverwendungsfähigen“ Deportierten, Zwangsarbeitern oder KZ-Häftlingen, die anschließend ermordet wurden.

[3]Im Lagerjargon wurden die Effektenlager als "Kanada" bezeichnet, weil die Häftlinge die Gegenstände als „Symbol für Reichtum“ mit dem Land Kanada verbanden. Die Bezeichnung „Kanada“ für die Effektenlager wurde später auch von etlichen Angehörigen des SS-Lagerpersonals übernommen.

Terminkalender

Es gibt keine Ereignisse in der aktuellen Ansicht.

Ev. Jugendreferat
Kirchenkreis Aachen

Haus der Ev. Kirche
Frère-Roger-Str. 8-10
52062 Aachen

Telefon:  0241 / 453-125
Fax:        0241 / 453-5525
jugendreferat.aachen@ekir.de

Synodales Jugendreferat

Axel Büker
axel.bueker@ekir.de
0241 / 453-166
0160 / 98048777

Christina Pütz
christina.puetz@ekir.de
0241 / 453-169
0160 / 97964557


Geschäftsstelle

Monika Maienschein
monika.maienschein@ekir.de
0241 / 453-125

Daniel Klober
daniel.klober@ekir.de
0241 / 453-163